Altona-Altstadt: "Goldenen Revolver" für die Mopo

  • AnwohnerInnen, Jugendliche und Eltern vor dem Mopo-Gebäude
  • Auf dem Weg zur "Preisverleihung" ...

Im Stil eines Revolverblatts hat die Mopo in den letzten Wochen über die Ereignisse in Altona-Altstadt berichtet. Die AnwohnerInnen haben längst die Schnauze voll. Am Mittwoch, den 31. Juli besuchten sie die Redaktion, diskutierten mit den verantwortlichen Redakteuren und verliehen der Mopo den "Goldenen Revolver". Wir dokumentieren im Folgenden die für diesen Anlass vorbereitete Rede: 

 

"Wir, Anwohner_innen aus Altona Altstadt: Jugendliche, Eltern, Nachbar_innen unterschiedlichen Alters, finden, dass die Berichterstattung der MOPO hervorgehoben werden muss und einen Preis verdient hat.

Schon seit fast 3 Wochen sticht die MOPO durch eine besonders schlaue Strategie, die eigene Auflage zu erhöhen, hervor. Was sich wann in Altona-Altstadt abgespielt hat, und welche verschiedenen Sichtweisen es auf die Ereignisse gibt, ist unwichtig: Hauptsache es klingt reißerisch.

Als sich am Donnerstag, dem 11. Juli 2013 150 Nachbar_innen und Eltern auf die Straße setzten, um eine Gruppe von Jugendlichen zu unterstützen, die von der Polizei umstellt und mit Pfefferspray und Schlagstöcken attackiert wurde, machte die MOPO daraus „Massenkrawalle“ von 150 Anwohner_innen. Die MOPO übernahm unhinterfragt die Version der Polizei, dass es sich bei der Gruppe von 16 Jugendlichen, um die gleichen Personen handelte, die nach Angaben der Polizei kurz vorher Autofahrer mit einem Laserpointer geblendet haben sollen – obwohl bei keinem der Jugendlichen ein Laserpointer gefunden wurde. Aus 520 Anzeigen in einem großräumigen Gebiet zwischen Holstenstraße und Großer Bergstraße, die die Polizei im ersten Halbjahr 2013 aufgenommen hat, werden mal eben 520 Straftaten, die Jugendlichen aus dem Umkreis der Holstenstraße in die Schuhe geschoben werden – dabei berichten viele Jugendliche, dass sie bereits eine Anzeige wegen Beleidigung erhalten, wenn sie Polizisten zurückduzen. Und 520 Anzeigen sind eben nicht 520 Verurteilungen. Zu dieser Verdrehung der Wahrheit passt auch, dass die MOPO die massiven Kontrollen von Jugendlichen im Vorfeld des 11.7. in der Ausgabe vom Sonntag, dem 21.07. auf einmal als Reaktion der Polizei auf die angeblichen „Krawalle“ darstellt.

Die Berichterstattung in der MOPO ist nicht nur voller Unwahrheiten, sie strotzt auch nur so vor rassistischen Zuschreibungen und Stereotypisierungen: Die 520 Anzeigen werden pauschal einer Gruppe „meist türkischstämmiger“ Jugendlicher in die Schuhe geschoben, die sich vor dem Azra-Kiosk trifft. Die Angehörigen dieser „Gruppe“, die in Wirklichkeit zufällig zusammengekommen ist, werden wenige Sätze weiter schon als „Gewalttäter“ vorverurteilt. Allen Klischees entsprechend hören sie selbstverständlich nicht auf deutsche Staatsorgane, sondern auf ihre Väter bzw. „eine weitere türkischstämmige Respektperson“. Überschriften wie „Randale an Ramadan“ konstruieren ein weiteres Mal eine Gefahr, die muslimischen Ursprungs ist. Und erst am vergangenen Montag machte die MOPO noch einmal den Rundumschlag: “Junge Migranten dealen, prügeln, begehen Einbrüche und tanzen der Polizei in Altona auf der Nase herum [...]“. Mit ihrer Hetze trägt die MOPO dazu bei, das ein Klima entsteht, von dem Nazis profitieren. Wenig verwunderlich sind die vielen Kommentare von Leser_innen, die die Jugendlichen am liebsten „in die Heimat ihrer Eltern zurück abschieben wollen. Ebenso wenig verwunderlich ist es auch, dass mittlerweile die NPD auf den Zug aufgesprungen sind – sie bezeichnen die Ereignisse in Altona-Altstadt als „Rassenkrawalle und fordern die gleichen Maßnahmen wie einige der ehrbaren MOPO-Leser_innen.

Die MOPO konstruiert zusammen mit der Polizei gerade einen gefährlichen Ort – die Gegend um die Holstenstraße – und eine gefährliche Gruppe – die „migrantischen Jugendlichen“, die sich vor dem Azra-Kiosk treffen. Mit der Realität im Stadtteil hat das Bild, das die MOPO zeichnet einfach überhaupt nichts zu tun! Sogar aus Polizeikreisen wird mittlerweile eingestanden, dass es in Altona-Altstadt nicht schlimmer zugeht, als anderswo – so erklärte Polizeisprecherin Ulrike Sweden in der Taz: „Es ist wie in vielen anderen Stadtteilen auch: Hier und dort wohnen eben Leute, die polizeibekannt sind.“ Die MOPO blendet alles aus, was nicht ins hetzerische Bild passt z.B. die Erfahrungen, die Jugendlichen mit verdachtsunabhänigen Kontrollen aufgrund ihrer Hautfarbe haben, und wie Jugendliche und ihre Eltern durch die Polizeigewalt traumatisiert sind. Natürlich gibt es hier, wie in jedem Stadtteil Kriminalität. Und wie überall in Hamburg und sonst wo auf der Welt halten sich auch hier nicht alle Jugendlichen immer 100% an alle Regeln. Aber für uns ist klar: Altona-Altstadt ist kein „Pulverfass“!

Wir lassen uns nicht zur Steigerung eurer Auflage missbrauchen!

Aus diesen Gründen verleihen wir der Redaktion der MOPO heute einen Preis: Den goldenen Revolver“ für den Revolverjournalismus mit dem die MOPO einen ganzen Stadtteil kriminalisiert. Der goldene Revolver ist ein Symbol für eine Berichterstattung, die einzig und allein dem Sensationsbedürfnis einiger Leser_innen verpflichtet ist, die die Wahrheit verdreht und dabei gegen Minderheiten hetzt."